Landesprojekt "Behinderung, Sexualität und Partnerschaft" bei Menschen mit Behinderung

 

Der Wunsch nach Partnerschaft, und damit einhergehend auch nach Sexualität: Ein Grundbedürfnis, dass jeder Mensch hat. Natürlich gilt das auch für Menschen mit Behinderung. Doch gerade in diesem Bereich lässt Teilhabe, Selbstbestimmung und Aufklärung noch sehr oft zu wünschen übrig. Denn Menschen mit einer körperlichen und/ oder geistigen Behinderung werden oft nur unzureichend aufgeklärt, es fehlt ihnen an Wegen und Möglichkeiten, sich zum Thema Sexualität und Partnerschaft zu informieren.

 

Ziele des Projekts „Behinderung, Sexualität und Partnerschaft“

Für den pro familia Landesverband Baden-Württemberg e.V. in Kooperation mit dem Landesverband Baden-Württemberg der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e.V Grund genug, das Projekt „Behinderung, Sexualität und Partnerschaft“ ins Leben zu rufen. Denn beide Verbände vertreten die Meinung: jeder Mensch hat das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Das Projekt hatte eine Laufzeit von Dezember 2019 bis März 2022 und wurde unterstützt durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration aus Landesmitteln, die der Landtag von Baden-Württemberg beschlossen hat.

Ziele des Projekts:

  • -        Erhebung der Bedarfe von Menschen mit Behinderung, Fachkräften und Angehörigen zum Thema Sexualität und Partnerschaft. Die Erhebung erfolgte über einen Fragebogen. Die Ergebnisse dieser Fragebogen finden Sie weiter unten im Artikel.
  • -        Angebote entwickeln, die Sicherheit im Umgang mit dem Thema Sexualität und Partnerschaft vermitteln. Dies gilt für Menschen mit Behinderung selbst, deren Angehörigen und Fachkräften.
  • -        Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in einem Leitfaden/ Handreichung für Einrichtungen und Menschen mit Behinderung zur Verfügung gestellt. Hier können Sie die Handreichung downloaden.

Der Landesverband der Lebenshilfe Baden-Württemberg hat einen Film zum Projekt gemacht. Darin erzählen die Verantwortlichen, Betroffene und andere beteiligte Personen von ihren Erfahrungen und Eindrücken, die sie im Zuge des Projekts gewonnen haben.

Ergebnisse der Fragebögen zum Thema „Behinderung, Sexualität und Partnerschaft“

Die Fragebögen wurden an Einrichtungen der Lebenshilfe, aber auch an andere Einrichtungen verschickt. Insgesamt wurden die Fragebögen von 484 Menschen mit Behinderung, 326 Fachkräften und 179 Angehörigen ausgefüllt.

Die Fragebögen wurden vom Projekt „Teilhabe“ des pro familia Landesverbandes Sachsen zur Verfügung gestellt und in Teilen angepasst. Die Erstellung des Fragebogens für Angehörige erfolgte durch die Lebenshilfe Baden-Württemberg zusammen mit pro familia Baden-Württemberg.

Ergebnisse bei Menschen mit Behinderung 

Insgesamt haben 484 Menschen mit Behinderungen teilgenommen. Das Alter der Befragten lag überwiegend zwischen 26 und 45 Jahren. Der Anteil von weiblichen und männlichen Teilnehmenden war ausgeglichen.

  • -        Mehr als die Hälfte der Befragten hatte zum Zeitpunkt der Befragung keine*n Partner*in. Ein Großteil gab an, Schwierigkeiten bei der Partner*innensuche zu haben, es wurde in diesem Punkt Unterstützungsbedarf geäußert.
  • -        Es zeigte sich ein deutlicher Informationsbedarf zu den Themen Körperwissen, Sexualität und Verhütung.
  • -        Ein Drittel der Befragten äußerte einen Kinderwunsch.
  • -        Es wurde der Wunsch nach Informationen zum Thema Familienplanung und Elternschaft deutlich.

 

Ergebnisse bei Fachkräften

Insgesamt haben 326 Fachkräfte an der Befragung teilgenommen. Die große Mehrheit bewertet die Vorbereitung der Menschen mit Behinderungen auf das Thema Sexualität als „sehr wichtig“.

  • -        Es besteht ein deutlicher Fortbildungsbedarf: Vier von fünf der Befragten wären im Umgang mit Behinderung und Sexualität gerne besser geschult/ausgebildet.
  • -        Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich Fortbildung/ Unterstützung in Bezug auf die Entwicklung eines sexualpädagogisches Konzeptes für die Einrichtung.

 

Ergebnisse bei Angehörigen

Insgesamt haben 179 Angehörige an der Befragung teilgenommen. Die überwiegende Mehrheit der Befragten bewertet die Vorbereitung der Menschen mit Behinderungen auf das Thema Sexualität als „sehr wichtig“. Auch bei den Angehörigen besteht ein großer Fortbildungs- und Informationsbedarf:

  • -        Vier von fünf der Befragten wären gerne besser darauf vorbereitet, den Menschen mit Behinderung in seiner selbstbestimmten Sexualität vorbereiten und unterstützen zu können.
  • -        Zwei Drittel sind der Meinung, entsprechende Angehörigenschulungen könnten helfen, Menschen mit Behinderungen eine selbstbestimmte Sexualität zu ermöglichen.

 

Was sonst noch im Projekt „Behinderung, Sexualität und Partnerschaft“ für Menschen mit Behinderung passiert ist

Auf Grundlage der Befragungsergebnisse entwickelten Sexualpädagog*innen von neun pro familia Beratungsstellen in Baden-Württemberg sexualpädagogische Angebote. Diese wurden in unterschiedlichen Einrichtungen (virtuell) erprobt.

Zudem gab es einen virtuellen Flirtkurs, geleitet von der pro familia Böblingen. Denn die Befragungen zeigten vor allen, dass Menschen mit Behinderung sich eine Partnerschaft wünschen, oft aber gar nicht wissen, wie und wo sie jemanden kennenlernen können.

Die pro familia Karlsruhe entwickelte außerdem ein Konzept für den Frauenarztbesuch für Mädchen und Frauen mit Behinderung. Denn oft wissen beispielsweise Mädchen mit Behinderung gar nicht, was mit ihrem Körper in der Pubertät passiert.

Ein virtueller Fachtag mit insgesamt 250 Teilnehmer*innen im April 2021 unterstrich noch einmal, wie viel Bedarf beim Thema Sexualität und Partnerschaft für Menschen mit Behinderung noch besteht. Vor allem an digitalen, leicht zugänglichen Angeboten mangelt es noch.

Natürlich gab es darüber hinaus weitere Angebote. Diese finden Sie alle in der Handreichung zum Projekt. Die Angebote können natürlich auch über die Projektlaufzeit hinaus (kostenpflichtig) angefragt werden.

Das Projekt „Behinderung, Sexualität und Partnerschaft“ endete im März 2022. Doch die Kooperation des Landesverbandes der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung der pro familia Baden-Württemberg geht weiter. Denn seit April 2022 gibt es das inhaltlich anknüpfende Folgeprojekt „Prozessbegleitung bei der Entwicklung sexualpädagogischer Konzeptionen in Einrichtungen der Behindertenhilfe“. Worum es in diesem Projekt geht? Das erfahren Sie hier.

Alle Informationen zum Projekt findet Sie auch auf der Webseite des pro familia Landesverbandes Baden-Württemberg.


 

Frank Bufler
pro familia Baden-Württemberg
Telefon: +49 (0)711/253 994 40
frank-bufler@profamilia.de

Assistenz Projektkoordination Landesverband der Lebenshilfe Baden-Württemberg
Christin Schurr
Telefon: +49 (0)711/255 89 -50
christin.schurr@lebenshilfe-bw.de